Das agile Unternehmen – Herausforderung und Chance

Das agile Unternehmen – Herausforderung und Chance

Plötzlich soll alles agil sein: Software-Entwicklung, Unternehmen, Management – selbst die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Seit Jahren wird diese Methode bereits gepredigt, doch viele Unternehmen denken weiter in alten Mustern oder scheitern an der Umsetzung.

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AUSLESE – DARUM GEHT´S HIER:

 

  • Was bedeutet Agilität im Unternehmen?
     
  • Warum ist es so wichtig?
     
  • Wie sieht agiles Arbeiten aus?

 

Unternehmen sollen jetzt agil werden. Schließlich sind solche Firmen flexibler, wettbewerbsfähiger und gehen vor allem mit der Zeit. Dabei ist es gar nicht so einfach alte Strukturen zu verändern und die eigene Einstellung zu überdenken. Was bedeutet es überhaupt, wenn ein Unternehmen agiler wird? Was verändert sich dabei?
Die Antworten kennt Agilitätsforscher und Coach Prof. Dr. Philipp Diebold genau. Im März dieses Jahres nahm er die Pfalzwerker in seinem virtuellen Vortrag mit auf eine spannende Reise.

Was ist ein agiles Unternehmen und was bedeutet Agilität?

Der Begriff „Agilität“ heißt erst einmal nichts anderes als „Beweglichkeit“. Damit wird die Fähigkeit bezeichnet, das eigene Geschäftsmodell bzw. die Unternehmensstruktur auf verändernde Marktanforderungen anzupassen. Vermutlich werden viele jetzt sagen: Das machen wir doch täglich im Business. Was ist so besonders daran?
Dennoch sehen wir ständig große Unternehmen, die unbeweglich sind und daran scheitern, sich neuen Marktbedingungen anzupassen und sich zu verändern. Bestes Beispiel sind die Zeitungsverlage. Als das Internet kam reagierte man nicht auf die Veränderung. Die Folge: Zuerst nahm das Internet den Zeitungen die Stellenbörse, dann die Kleinanzeigen, den Automarkt, die Wohnungsanzeigen, die vielen Werbeanzeigen und am Ende sogar die Leser.
Viele Zeitungen kämpfen heutzutage deshalb um ihr Überleben und suchen händeringend nach neuen Geschäftsmodellen – viel zu spät.

Warum ist Agilität so wichtig?

Wenn agil bedeutet, beweglich zu sein, dann ist Stillstand das Gegenteil – und führt für jedes Business zum Niedergang. Doch heutzutage verändert sich die Welt so schnell, dass Unternehmen sich in kürzester Zeit anpassen müssen. Explodierende Energiekosten, zusammenbrechende Lieferketten, lange Produktionszeiten, der Ausfall von Zulieferern aufgrund von Streik oder Krieg – für Unternehmen war es nie wichtiger als heute, agil zu werden und auch so zu handeln.

Wie sieht agiles Arbeiten aus?

Agilität im Unternehmen bedeutet vor allem, sich nicht an bestehenden Prozessen zu klammern, sondern stets für alles offen zu sein. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen hierfür aus ihrer „Komfortzone“ herausgeholt werden. Denn festgelegte Prozesse bedeuten auch immer Sicherheit. Und wer möchte schon freiwillig, den Plan zur Seite legen, sich auf unsicheres Terrain begeben und sich auf Experimente einlassen?

Im Jahr 2020 wurden lt. Statista 34,6 Mio. Euro für Beratungsdienstleistungen bezahlt. 433 Millionen Euro gaben allein die Bundesministerien und das Bundeskanzleramt 2020 für externe Beratungsleistungen aus – ein Plus von 46 % gegenüber dem Vorjahr. An diesen Zahlen kann man sehr gut erkennen, wie schwer sich Unternehmen und die Politik damit tun, offener und agiler zu werden. Das sichere Modell wird immer noch dem agilen bevorzugt.

"Kein Unternehmen kann exakt bis 2041 planen – und dennoch werden Prozesse und Bauprojekte bis auf den Tag genau daraufhin ausgelegt.“

Prof. Dr. Philipp Diebold 

Was sagen Sie Unternehmen, die agiler werden möchten?

Prof. Dr. Philipp Diebold: Die erste Frage ist natürlich immer: Warum wollen Sie überhaupt agiler werden? Welche Herausforderungen haben Sie? Denn Agilität ist nur eine sehr generelle Antwort, die je nach Unternehmensanforderung anders aussehen kann. 

Was muss passieren, damit Unternehmen diesen Wandel vollziehen können?

Prof. Dr. Philipp Diebold: Man muss vor allem offen für Veränderungen sein. Wichtig ist auch, dass man Durchhaltevermögen mitbringt, da es dauert, bis sich eine Unternehmenskultur ändert. Einfach mal Scrum als agile Methode einführen, funktioniert nicht. Ein agiles Unternehmen benötigt meist Kulturveränderung auf allen Ebenen und somit auch in Teams und Abteilungen. Es dauert in der Regel Jahre, bis sich das in der ganzen Organisation etabliert hat.
Man braucht dafür nicht zwingend ein Change Management, aber es ist hilfreich und sorgt dafür, dass man die Ziele schneller erreicht. Man kann einem Unternehmen aber keine Kultur aufzwingen. Die Menschen müssen bereit sein, sich zu ändern.

Sie sprechen oft von der Cargo-Cult-Falle? Was bedeutet das für Unternehmen?

Prof. Dr. Philipp Diebold: Viele Unternehmen setzen auf Dinge, die früher oder in anderen Umgebungen mal funktioniert haben. Deswegen klammert man sich daran, weil man glaubt, dass es immer noch so sein muss.
Es gibt auch Unternehmen, die sagen, bei den anderen funktioniert Scrum, also muss es das auch bei uns. Aber dabei wird oft das Gesamtbild nicht berücksichtigt. Was bei einem Unternehmen geht, muss es noch lange nicht bei einem anderen. Jedes Unternehmen ist anders.

Gibt es auch Unternehmen, die „unbeweglich“ sind und sich nicht verändern lassen?

Prof. Dr. Philipp Diebold: Ja, die gibt es. Manche Führungskräfte und Mitarbeiter wollen diese Veränderung gar nicht. Ich habe sogar gesehen, dass die Beschäftigten dies wollten, weil sie die Vorteile erkannten – aber die Führungskräfte wehrten sich dagegen – auch aus der Angst vor einem Machtverlust heraus. Dann hat das Unternehmen nur zwei Möglichkeiten: Entweder wird sie die Führungskräfte los oder geht einen nicht-agilen Weg.
Agilität bedeutet aber auch die Veränderung, als Chance zu sehen. Wer diese Chance nicht erkennt oder vielleicht zu spät – kann das im Nachhinein nicht mehr aufholen. Man muss offen dafür sein.

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Steckbrief Prof. Dr. Philipp Diebold

  • Agile Coach seit 2012
  • Langjährige Arbeit im Bereich der Agilität am Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering
  • Seit 2018 im eigenen Unternehmen, der Bagilstein GmbH
  • Geschäftsführer von Bagilstein, Unternehmensberater & Agilitätsforscher
  • Professor für Wirtschaftsinformatik an der iu Internationalen Hochschule (Seit 2021)

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