Das Gemeinsame fehlt

Das Gemeinsame fehlt

Wie hat sich durch die Pandemie die Arbeit als Ortsbürgermeisterin verändert? Wie geht es Kommunen? Ein Interview mit Bürgermeisterin Sigrid Schwedhelm-Schreiner aus Edesheim über Ideen und Lösungen.

Edesheim Kirchturm

AUSLESE - DARUM GEHT'S HIER:

  • Die Ortsbürgermeisterin von Edesheim im Interview
  • Wie hat sich die Arbeit der Bürgermeisterin verändert?
  • Wie die Gemeinde die Corona-Pandemie meistert

Sigrid Schwedhelm-Schreiner ist seit Juni 2019 Ortsbürgermeisterin der Ortsgemeinde Edesheim. Die vergangenen Monate haben bei ihr Spuren hinterlassen: Während Ratssitzungen neu organisiert werden mussten, stieg die Emailflut immens an. Zugleich verfolgt sie mit großer Sorge die Sehnsucht der Bürgerinnen und Bürger nach Gemeinschaftsleben und das Wegfallen von Traditionen.

Wie hat sich Ihre Arbeit als Ortsbürgermeisterin durch Corona verändert?

Sigrid Schwedhelm-Schreiner: Es hat sich, wie überall, stark ins virtuelle verlagert. Ich habe eine unglaubliche Emailflut zu bewältigen. Der oftmals schnellere persönliche Austausch mit den Mitarbeitenden in der Verbandsgemeindeverwaltung musste stark reduziert werden.

Und auch der Kontakt zu den Einwohnerinnen und Einwohnern ist nicht mehr so direkt: Meine Sprechstunde habe ich zu Beginn telefonisch durchgeführt, nun ist meine Tür erstmal zu, die Leute müssen sich anmelden, spontane Absprachen sind nicht möglich. Das ist etwas ganz anderes.

Zugleich konnten wir nicht mehr unseren üblichen Ratssaal nutzen, da dieser zu klein war, um die Ratssitzungen coronakonform durchzuführen. Wir haben dann Eilentscheidungen mit Beigeordneten und Fraktionssprechern getroffen. Aber das ist natürlich das politische Mindestmaß. Wir sind nun in die größere Gemeindehalle ausgewichen. Hier können wir die Abstände einhalten, Zuschauer empfangen und die Fluchtwege einhalten.

sigrid schwedhelm-schreiner
Sigrid Schwedhelm-Schreiner, Ortsbürgermeisterin der Ortsgemeinde Edesheim

Nun versuchen wir alles so weit wie möglich weiterhin in Ratssitzungen zu entscheiden, das muss schon aus demokratischen Gesichtspunkten sein.

Wie geht es den Bürgerinnen und Bürgern Ihrer Gemeinde?

Sigrid Schwedhelm-Schreiner: Für unsere Senioren ist die Situation sehr schlimm. Unser Seniorentreff, der 2x im Monat von Ehrenamtlichen organisiert wurde, ist abgesagt.

Den alten Menschen fehlen die Kontakte unglaublich.
Auch die Gratulationsbesuche, die ich zu runden Geburtstagen oder Ehejubiläen gemacht habe, fallen weg. Ich rufe an und stelle das Präsent vor die Tür. Das ist nicht schön.

"Die Leute sind so gut es geht füreinander da."

Ortsbürgermeisterin Sigrid Schwedhelm-Schreiner

Ansonsten haben wir hier schon immer ein gutes soziales Miteinander. Die Leute waren also auch in den letzten Monaten so gut es ging füreinander da. Es gab einen Einkaufsservice und Initiativen der Kirche und der Vereine.

Welche konkreten Lösungen haben Sie gefunden?

Sigrid Schwedhelm-Schreiner: Ich gebe Ihnen zwei kleine Beispiele: Unsere Gottesdienste mussten wie überall erst abgesagt werden. Als es wieder erlaubt war, wurden  Freiluft-Gottesdienste abgehalten. Das kam sehr gut an, auch bei Passanten und Touristen. Diese Form der „offenen Kirche“ soll auch nach Corona beibehalten werden.

Und wir haben das Rathaus mit  Schmetterlingen geschmückt, die uns Grundschüler gebastelt haben. Das haben nun auch an Weihnachten vor. So halten wir das Gemeinschaftsgefühl im Kleinen hoch.

Gebastelte Schmetterlinge in Edesheim
Gebastelte Schmetterlinge der Grundschulkinder vor dem Rathaus

Welche Sorgen haben Sie?

Sigrid Schwedhelm-Schreiner: Wir hatten hier immer ein reges Vereinsleben: Unser Schützenverein, der Sportverein, der Jahrmarkt, Seniorenturnen, Prunksitzungen, Kinderfasching, unsere Chöre, die Kuckucksmusikanten,…. Das Gemeinsame fehlt so sehr – nicht nur den Senioren!

"Ich habe die Befürchtung, dass Traditionen verloren gehen"

Ortsbürgermeisterin Sigrid Schwedhelm-Schreiner

Ich habe die Befürchtung, dass Traditionen verloren gehen. Werden wir es schaffen, den Jahrmarkt wieder aufleben zu lassen? Wird es nächstes Jahr wieder ein Totengedenken mit musikalischer Untermalung und Beteiligung der Kirche geben? Und ich hoffe sehr, dass unsere Vereine überhaupt überleben werden.

Was gibt Ihnen Hoffnung?

Sigrid Schwedhelm-Schreiner: Nachdem wir es geschafft haben, trotz Corona unseren Kita-Neubau voran zu treiben, können wir diesen im Januar eröffnen. Mitte Januar starten die ersten Eingewöhnungen. Das ist ein Lichtblick!

Kindergarten Edesheim Bauphase
Der Kindergarten während der Bauphase
Kindergarten Edesheim
Der fertige Kindergarten

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